Geht der Krug nicht mehr zum Brunnen, versetzt man halt den Brunnen

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Bauzonen Dietikon (Symbolbild)Es muss letzten Spätsommer beim Durchblättern der während des Urlaubs liegen gebliebenen Zeitungen gewesen sein, als ich erfuhr, dass unser Stadtrat lieber die Vorschriften der BZO dem städtischen Projekt "Flussbalkone" rund um die Krone anpasst, als das Projekt den Vorschriften. Nun ist das Geschäft im Gemeinderat gelandet und wird aller Voraussicht nach durchgewunken.

In eine verzwickte Situation manövriert

Blenden wir zurück: Mit Pauken und Trompeten holte der Stadtrat die Stararchitektin Tilla Theuss, um die an die Taverne zur Krone angrenzenden, teils maroden städtischen Liegenschaften zu ersetzen. Was dabei heraus kam schien zunächst tatsächlich ein gelungenes Projekt zu sein. Gegen die Baubewilligung erhob jedoch ein Nachbar Einsprache, weil man offensichtlich weder im Architekturbüro Theuss, noch bei der Bewilligungsbehörde wusste, dass man einem Nachbarn nicht bis vor die Haustüre bauen kann.

Anstatt sich mit diesem gütlich zu einigen, lehnte der Stadtrat den Rekurs ab, worauf jener an die kantonale Baurekurskommission gelangte. Diese stellte nun aber nicht nur fest, was jedem interessierten Laien ohnehin seit Monaten klar war, sondern auch, dass das Projekt in weiteren, im Rekurs nicht bemängelten Punkten gar nicht den Vorschriften der städtischen Bauordnung für die Kernzone entsprach. Damit hatte sich der starrköpfige Stadtrat in eine verzwickte Situation gebracht: Eine Umprojektierung ist teuer, zumal sich Frau Theuss kaum ohne Zwang dafür wird begeistern lassen, diese in Garantie zu erbringen.

Bananenrepublik lässt grüssen

Deshalb kamen die hohen Herren nun auf eine seldwylsche Idee: Man könnte doch auch die Vorschriften der BZO so ändern, dass das bestehende Projekt bewilligungsfähig wäre. Genial, einfach, bequem, billig, in einer Bananenrepublik wohl an der Tagesordnung, aber rechtsstaatlich bedenklich.

Die BZO galt jahrzehntelang für alle Immobilienbesitzer und man weiss nicht, wie mancher Bauwillige bei der Dietiker Baubehörde unter Hinweis auf diese Vorschriften auf Granit gebissen hat, mit unsinnigen Auflagen gepiesackt wurde und seine Pläne letztlich kostspielig ändern oder begraben musste. Aber man kann es sich vorstellen. Es kommt sicher auch nicht von ungefähr, dass der Vorbesitzer der "Kronenliegenschaften" diese einfach verlottern liess: Er wollte oder konnte die aufwändige Kostenfolge dieses engen Vorschriftenkorsetts nicht tragen.

Will nun die Stadt selber etwas bauen, so stellt sie plötzlich lapidar fest, dass die Vorschriften, oh Wunder, "etwas zu eng" sind (LiZ vom 23.3.2013) und passt sie mir nichts, dir nichts an. Das geht nicht! Selbst dann nicht, wenn die Vorschriften generell für alle Bauten der Kernzone gelockert werden und nicht nur für jene des umstrittenen Projekts.

Technokraten entscheiden über Gut und Schlecht

Die Details verraten, dass mit der vorgeschlagenen Regelung der Willkür Tür und Tor geöffnet wird. So soll nicht etwa eine demokratisch legitimierte Behörde, sondern ein von der Baubehörde eingesetztes "Fachgremium", ein paar Technokraten also, in jedem Fall individuell entscheiden, ob ein Projekt genehm ist oder nicht. Im Fall der Raucherzelte von Restaurants sah sich der Stadtrat nämlich nicht im Stande, jeden Fall individuell zu prüfen und fällte daher wegen möglicher Ungleichbehandlung den sturen, gewerbefeindlichen Grundsatzentscheid, diese gänzlich zu verbieten. Bei der völlig vom Zeitgeist und der Kunst beeinflussten Architektur, über die man bekanntlich je nach Ansicht entweder nicht, oder aber ewig diskutieren kann, hält er nun aber offenbar eine individuelle Beurteilung für machbar und gerecht.

Referendum möglich

Gegen ein solch queres Ansinnen sollte der gesunde Demokrat sich wehren. Entschieden ist zwar noch nichts, aber die Zeichen für ein überparteiliches Referendum stehen derzeit nicht schlecht. Mal abwarten, ob dies nach der gemeinderätlichen Debatte auch noch so ist.

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